WALA Arzneimittel

Magazin & Nachrichten

Sie können hier nach einem Stichwort suchen

Anthroprosophische Medizin, Stress & Erschöpfung
Heilsamer Gesang

Heilsamer Gesang

Es ist Mittwochabend, 19 Uhr. In dem Heileurythmie-Raum der Abteilung für psychosomatische und psychotherapeutische Medizin am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke sitzen mehr als 20 Patienten in einem Stuhlkreis. Seit nunmehr rund sechs Jahren lädt Heino Debus, ausgebildeter Krankenpfleger und zertifizierter Singleiter für Krankenhäuser, die Patienten der Abteilung ein, einen oft anstrengenden Therapietag mit Gesang zu beenden. Das aussergewöhnliche Angebot trifft bei den Patienten auf wachsende Resonanz: „Singen ist für mich pure Freude und so befreiend. Es macht Spass, ich spüre meine Lebendigkeit und ich darf einfach so sein, wie ich bin“, erzählt die 32-jährige Christel*, die aufgrund einer posttraumatischen Belastungsstörung seit mehreren Wochen behandelt wird.

Und der 54-jährige Thorsten*, der als Verwaltungsleiter nach langjähriger Überlastung wegen eines Burn-out-Syndroms vor drei Wochen in das Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke eingewiesen wurde, ergänzt: „Ich lade hier meine Batterien auf. Ohne Zwang und Anspruch in der Gemeinschaft zu singen, gibt mir wieder Lebensmut.“ Die meisten Patienten, die wegen so genannter posttraumatischer Belastungsstörungen, wegen Angsterkrankungen, Depressionen oder des häufiger auftretenden Burn-out-Syndroms im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke behandelt werden, haben wenig Erfahrung mit Gesang. „Ich kann nicht singen!“ – Diese Aussage ist beim ersten vorsichtigen, teilweise gar ängstlichen Betreten des Singkreises oft zu hören. Doch bereits nach kürzester Zeit vergessen die Patienten ihre Bedenken und staunen über die intensiven Erfahrungen von Verbundenheit, Freude und Zuversicht, die beim gemeinsamen Singen entstehen.

Das anthroposophisch orientierte Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke ist eines der ersten Krankenhäuser in Deutschland, das die heilsame Wirkung des Singens in sein Behandlungskonzept integriert hat. Seit 2004 setzt das Klinikum die Gesangstherapie ergänzend zu anderen therapeutischen Verfahren wie der Gesprächs- und Kunsttherapie oder der Heileurhythmie ein. Im Laufe der Jahre folgten immer mehr Kliniken dem Beispiel des Gemeinschaftskrankenhauses – vor allem Häuser mit Schwerpunkten im Bereich der Psychiatrie, der Psychosomatik und der Rehabilitation bieten ihren Patienten die Teilnahme an Singkreisen an. Doch welchen Effekt hat der Gesang auf unsere Gesundheit?

Singen bringt Körper und Seele in Harmonie

Auf den ersten Blick scheint es ungewöhnlich, dass etwas so Elementares wie Gesang heilsame Wirkungen bei seelischen oder körperlichen Erkrankungen haben soll. Einen Schlüssel für das Verständnis dieser Wirkungen bilden zwei neue Forschungsrichtungen: die Chronobiologie sowie die Chronomedizin. Die Chronobiologie untersucht die Einflüsse von Rhythmen – darunter zum Beispiel den Tag-Nacht- oder den Jahresrhythmus – auf Lebewesen. Auf diesen Erkenntnissen baut die Chronomedizin auf: Sie widmet sich der Frage, welche Bedeutung rhythmische Vorgänge im Körper im Wechselspiel mit den äusseren Rhythmen für unsere Gesundheit haben.

Neuere Forschungen der Chronomedizin machen deutlich, wie stark unser menschlicher Körper von Schwingungsprozessen und rhythmischen Vorgängen durchzogen ist: Unsere Nervenzellen schwingen im Bereich von Millisekunden, Atem und Herz im Sekundenbereich. Und darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere, langsamere Schwingungsvorgänge und Rhythmen. All diese Rhythmen stehen in engem Zusammenhang mit Gesundungs- und Krankheitsprozessen: „Ein gesunder Organismus ist chronobiologisch in Harmonie – seine Rhythmen sind synchronisiert und aufeinander abgestimmt. Gestörte Rhythmen treten bei Nacht- und Schichtarbeit, bei hohem Stress und bei Jetlag auf. Neue Studien haben gezeigt, dass diese Störungen zu schweren Erkrankungen, Stoffwechselstörungen, Herzinfarkt und erhöhter Krebsrate führen können“1, erläutert der Experte für Chronomedizin Prof. Maximilian Moser von der Universität Graz. Die Lösung für gestörte Rhythmen, die den Organismus belasten, ist denkbar simpel: Rhythmus. Rhythmische Sprachgestaltung, Gesang und Musik können dem Körper dabei helfen, wieder zu einem gesunden Schwingen zurückzufinden – es handelt sich hierbei um eine Art Resonanztherapie. So kann zum Beispiel das Singen eines Mantras, das über längere Zeit wiederholt wird, mehrere Körperrhythmen zu einem hochsynchronen Zusammenschwingen anregen, wie es sonst in ähnlicher Form nur im Tiefschlaf auftritt – dann nämlich, wenn der Körper sich erholt. Doch nicht nur das: Im Rahmen gemeinsamer Forschungen entdeckten der Chronomediziner Prof. Maximilian Moser und der Musiktherapeut Wolfgang Bossinger, dass die Herzfrequenzen mehrerer Versuchspersonen sich auch untereinander beim gemeinsamen Singen synchronisieren. Wen wundert es da noch, dass der Gesang auch auf sozialer Ebene seine verbindende Wirkung nicht verfehlt …

Singen als Gesundheitserreger

Menschen, die in Chören, Gesangsvereinen oder Singgruppen singen, kennen die Erfahrung: Gemeinsames Singen wirkt wie ein Lebenselixier, gibt neuen Schwung, hilft dabei, abzuschalten und Kraft zu schöpfen. Die beiden Sing- und Gesundheitsforscher Prof. Grenville Hancox und Prof. Stephen Clift haben diese Wirkungen auf Chorsänger untersucht. Dazu befragten sie die 84 Mitglieder des Universitätschores der Canterbury Christ Church University zu den Wirkungen des Chorsingens.2

89 % der Chormitglieder berichteten von intensiven Glücksgefühlen beim Singen
79 % fühlten sich weniger gestresst
87 % profitierten in sozialer Hinsicht
75 % profitierten in emotionaler Hinsicht
58 % profitierten in körperlicher Hinsicht
49 % profitierten in spiritueller Hinsicht

In einer internationalen Studie mit mehr als 1.000 Chorsängern aus England, Deutschland und Australien konnten Wissenschaftler des Forschungsinstituts „Sidney de Haan Research Centre for Arts and Health“ in Folkestone (UK) diese Ergebnisse bestätigen.3

Zu ähnlich positiven Ergebnissen in Bezug auf die soziale und psychische Wirkung von Gesang gelangten auch weitere Forschungen: Betty Bailey und Jane Davidson von der University of Sheffield (UK) untersuchten, welche Wirkung die Teilnahme an einem Amateurchor auf Obdachlose hat.4 Das Ergebnis: Das langjährige Singen im Chor führte zu tiefgreifenden sozialen und psychischen Verbesserungen, zur Abnahme von Depressionen und Gewalt. Der deutsche Musikpsychologe Dr. Karl Adamek wies ähnliche Effekte auch beim Alleine- Singen nach – zum Beispiel unter der Dusche oder im Auto.5
Generell zeigt sich: Menschen, die viel singen, sind in der Regel zufriedener, haben eine grössere Frustrationstoleranz und verfügen über mehr Selbstbewusstsein.

Singen als Antidepressivum

Die positiven Wirkungen des Gesangs auf die Seele spiegeln sich auch im Gehirn wider: So produziert unser Gehirn beim Singen einen regelrechten Glückscocktail aus den Gehirnbotenstoffen Serotonin, Noradrenalin, Beta-Endorphin und Oxytocin.6 Mit anderen Worten: Gesang ist ein hochwirksames Antidepressivum ohne Nebenwirkungen. Nicht zuletzt spielt wohl auch die intensive Erfahrung der Gemeinschaft und Verbundenheit eine bedeutende Rolle für unser Wohlbefinden: Neueste Erkenntnisse der Neurobiologie zeigen, dass Wertschätzung und soziale Resonanz das Belohnungssystem des Gehirns aktivieren und damit viele heilsame Prozesse in Gang setzen – darunter zum Beispiel den Abbau von Stresshormonen. Derzeit fehlen in neurobiologischer Hinsicht zwar noch weitere Studien mit grösseren Teilnehmerzahlen und Vergleichsgruppen, aber schon die bisherigen Ergebnisse sind äusserst eindrucksvoll und lassen weitere Effekte in dieser Richtung erwarten.

Singen stärkt das Immunsystem

Singen zur Vorbeugung gegen Erkältung? Der Gedanke ist gar nicht abwegig: So zeigten mehrere Studien, dass bereits wenige Minuten Singen zu einer vermehrten Produktion des Antikörpers Immunglobulin A führen – eines Antikörpers, der sozusagen die wichtigste Rolle bei der Verteidigung des Körpers gegen Krankheitserreger und Allergene bildet. Im Rahmen einer Untersuchung stellte Prof. Robert J. Beck von der University of California (USA) bei Chorsängern nach einem Konzert eine Immunglobulin-A-Erhöhung um beeindruckende 240 % fest.7 Darüber hinaus entdeckte er direkte Zusammenhänge zwischen der inneren Beteiligung der Sänger und der Schutzwirkung auf das Immunsystem: je intensiver die Hingabe, Freude und Präsenz beim Singen, desto stärker die positive Wirkung auf das Immunsystem.

Singen mit kranken Menschen

Die erwähnten Studien und Forschungsergebnisse machen es deutlich: Singen ist ein Gesundheitserreger. Als solcher kann er psychisch und körperlich erkrankten Menschen dabei helfen, ihre Krankheit zu überwinden – oder zumindest eine Verbesserung des Wohlbefindens bewirken. Besonders das gemeinschaftliche Singen hat grosses Potenzial in der Therapie von Depressionen, Psychosen und psychosomatischen Erkrankungen und kann dazu dienen, die Selbstheilungskräfte der Betroffenen zu stärken. Die beim Singen entstehenden sozialen Kontakte begegnen zudem Rückzugstendenzen, die Patienten beginnen, sich gegenseitig in ihrem Heilungsprozess zu unterstützen. Die Erfahrungen, die in den letzten Jahren in Kliniken und Praxen mit der Singtherapie gemacht wurden, sind so ermutigend, dass sich Patienten, Musiktherapeuten und Wissenschaftler zusammenschlossen und Anfang 2009 die gemeinnützige Organisation „Singende Krankenhäuser“ ins Leben riefen: Das Netzwerk engagiert sich seitdem international für die Verbreitung heilsamer und gesundheitsfördernder Singangebote in Krankenhäusern und Gesundheitseinrichtungen. Im November 2009 erhielt das Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke als erstes Krankenhaus in Deutschland die Zertifizierung „Singendes Krankenhaus“. Das wohltuende Treffen zum gemeinsamen Singen im Heileurythmie-Raum der Klinik mittwochabends, 19 Uhr, wird sicherlich noch viel Nachahmung in anderen Einrichtungen finden – der Gesundheit zuliebe.

1Moser M. In: Bossinger W. Die heilende Kraft des Singens. 2. Auflage. Battweiler: Traumzeit 2006; Seite 125.
2Clift S, Hancox G. The perceived benefits of singing: findings from preliminary surveys of a university college choral society. The Journal for the Royal Society for the Promotion of Health 2001; 121: 248-256.
3Clift S, Hancox G, Morrison I, Hess B, Stewart D, Kreutz G. Choral Singing, Wellbeing and Health: Summary of Findings from a Crossnational Survey. Canterbury: Canterbury Christ Church University 2008.
4Bailey AB, Davidson JW. Amateur group singing as a therapeutic instrument. Nordic Journal of Music Therapy 2003; 12: 18-32.
5Adamek K. Singen als Lebenshilfe. Zu Empirie und Theorie von Alltagsbewältigung. 3. Auflage. Münster: Waxmann 2008.
6Biegl T. Glücklich singen – singend glücklich? Gesang als Beitrag zum Wohlbefinden. Serotonin, Noradrenalin, Adrenalin, Dopamin und Beta-Endorphin als psychophysiologische Indikatoren. Diplomarbeit unter Betreuung von Prof. Dr. Erich Vanecek; Universität Wien 2004.
7Beck RJ, Cesario TC, Yousefi A, Enamoto H. Choral singing, performance perception, and immune system changes in salivary immunoglobulin A and cortisol. Music Perception 2000; 18: 87-106.

Singen Sie doch einfach!

Zunächst ein paar Worte zu der häufig geäusserten Angst, unmusikalisch zu sein: Aus musiktherapeutischer Sicht ist jeder Mensch musikalisch – in jedem von uns befindet sich ein „musikalisches Kind“, das sich ausdrücken möchte und Freude daran hat. Leider wird in westlichen Gesellschaften Singen und Musizieren allzu oft mit Leistungsdenken und Erwartungen verbunden. Viele Menschen haben entsprechende entmutigende oder sogar beschämende Erfahrungen gemacht.

Lassen Sie sich nicht beirren, denn beim Singen gilt: Es gibt keine Fehler, nur Variationen. Und: Singen ist immer ein Geschenk – für Sie selbst und für andere Menschen. Also, nichts wie los, entdecken Sie Ihre eigene Stimme wieder – es lohnt sich.

Viele Wege führen zum Gesang

Singen im Chor: Suchen Sie sich einen Chor oder Gesangsverein, in dem vor allem aus Spass und wegen der Gemeinschaft gesungen wird.

Gesangsunterricht: Nehmen Sie Gesangsunterricht, um Ihre Stimme zu entdecken. Achten Sie hierbei darauf, dass Ihr Lehrer Ihnen hilft, Ihre Stimme ohne Leistungsdruck zu entfalten und zum Klingen zu bringen.

Lieblingslieder: Singen Sie Ihre Lieblingslieder einfach nur für sich selbst – im Auto oder unter der Dusche, oder wo immer es Ihnen gefällt.

Vokaltöneneignet sich besonders gut, um loszulassen und den Körper in Schwingung zu bringen. Unter „Vokaltönen“ versteht man das Singen lang gedehnter Vokale – also „aaaa“, „oooo“, „uuuu“, „eeee“ und „iiiii“. Das Vokaltönen hat eine tief entspannende Wirkung auf das vegetative Nervensystem und kann Erholungszustände im Körper anregen.

Mantra Singen: Mantras sind ursprünglich heilige Worte des Sanskrit, mittlerweile werden darunter jedoch auch Gebete und Wortformeln in verschiedenen Sprachen verstanden (z. B. Halleluja, Shalom, Amen, Frieden oder Om). Wie neuere Forschungen zeigen, hat das Singen von Mantren über 10 bis 15 Minuten oder länger eine sehr entspannende und erholungsfördernde Wirkung auf den Körper (Verlangsamung der Gehirnwellen, Blutdrucksenkung, Anregung des Parasympathikus und der körpereigenen Erholungsrhythmen).

Der Autor

Wolfgang Bossinger ist Diplom-Musiktherapeut, Psychotherapeut sowie Buch-, CD- und Filmautor (nähere Informationen unter www.healingsongs.de). Mit seiner regen Seminar-, Vortrags- und Weiterbildungstätigkeit engagiert sich Wolfgang Bossinger für die Verbreitung des Wissens um die gesundheitsfördernden und sozialen Wirkungen von Gesang. Er ist 1. Vorsitzender von Singende Krankenhäuser – internationales Netzwerk zur Förderung des Singens in Gesundheitseinrichtungen e. V., Vorstandsmitglied der Deutschen Stiftung Singen sowie des Il Canto del Mondo e. V.

Weitere Informationen