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Anthroprosophische Medizin, Stress & Erschöpfung

"Rhythmus pflegen und Selbstfürsorge üben"

Ob Leistungsdruck im Job oder private Überforderung – viele Faktoren können Stress verursachen. Doch es gibt auch Kraftquellen im Alltag, die uns helfen, den Anforderungen zu begegnen. Wo sie liegen und was die Anthroposophische Medizin beitragen kann, weiss Christian Schopper, Arzt für Neurologie, Psychotherapie und Psychiatrie.

Text: Laura Krautkrämer

„Ich habe so viel zu tun und bin total im Stress!“ Wie in diesem Stossseufzer ist der Begriff „Stress“ im allgemeinen Sprachgebrauch meist negativ besetzt. Doch Stress kann höchst unterschiedlich empfunden werden: Es gibt ihn in der weitverbreiteten Variante, die belastet und auf Dauer krank machen kann – wissenschaftlich als „Dysstress“ bezeichnet –, aber eben auch in einer positiven Form, die beflügelt und uns zu Höchstleistungen anspornt. Dieser „Eustress“ schadet uns nicht, sondern bewirkt – im Gegenteil – eine Aktivierung der Kräfte. Sich mit Feuer und Flamme einer Sache verschreiben, fast ununterbrochen und dennoch mit grosser Energie durcharbeiten, bis ein wichtiges Projekt steht – diese beglückende Erfahrung macht man nicht beim Sonnenbaden im Liegestuhl. Doch leider erleben viele Menschen einfach zu viel Belastung und Druck, denen sie nicht gewachsen sind: Der Stressreport 2012 der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin ist die bislang umfangreichste Datensammlung über die Lage an deutschen Arbeitsplätzen und benennt psychische Störungen als Ursache für mehr als 53 Millionen Krankheitstage. Etwa 41 Prozent der Frühverrentungen haben demnach psychische Ursachen – und die Betroffenen sind im Durchschnitt erst 48 Jahre alt. Allerdings gilt es, in dieser Sache fein zu unterscheiden: Nicht immer ist der festgestellte Stress nur auf die Arbeit zurückzuführen. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin betont: „Eine Arbeit gänzlich ohne psychische Anforderungen ist undenkbar. Arbeit trägt grundsätzlich zur Zufriedenheit bei und kann das Selbstwertgefühl stärken. So ist die psychische Gesundheit Erwerbstätiger in der Regel besser als die von Arbeitslosigkeit betroffenen Menschen.“

Aktivierung und Hemmung

„Man kann das Konzept von Eustress und Dysstress sehr gut in Rudolf Steiners Menschenkunde übersetzen“, erläutert Christian Schopper. „Dort beschreibt er Phänomene, die wir auf diese Weise ganz anders begreifen können und die mit Grundfragen des Ätherischen1 zusammenhängen.“ 1917 entwickelte Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie, das Konzept der Dreigliederung des menschlichen Organismus. Er unterschied dabei das dem Tagesbewusstsein zugehörige Nerven-Sinnes-System (Kopf/Denken), das Atmung und Kreislauf umfassende, mit dem Gefühlsleben verbundene Rhythmische System (Brustbereich/Fühlen) sowie das Stoffwechsel-Gliedmassen-System (Gliedmassen/Wollen).

Das vegetative Nervensystem schwingt zwischen Aktivierung und Hemmung, zwischen Eustress und Dysstress hin und her. Jede Anspannung, jede Angst schlägt sich dort nieder und kann durch körperliche Symptome wie Atembeschwerden, Schwitzen, Durchfall oder eine verspannte Körperhaltung sichtbar werden. Eine positive Aktivierung wirkt vor allem aus dem Seelischen und damit aus dem Rhythmischen System. „Der wirklich ausserordentliche Beitrag der Anthroposophischen Medizin ist der Begriff des Rhythmischen Systems. Steiner war in dieser Hinsicht seiner Zeit weit voraus!“, meint Schopper. „Dieses System, repräsentiert durch Herz und Lunge, generiert Rhythmus und vermittelt ihn an die übrigen Bereiche. Das Rhythmische System ist der Urquell von Ausgeglichenheit und Gesundheit.“ In vielen alten Kulturen bilden deshalb Atemübungen die Grundlage der meditativen Praxis. „Steiner schildert, dass der Rhythmus die feine Verbindung ins Ätherische ist. Das Ätherische wird durch ihn wirksam“, erläutert Schopper. „Man kann also sagen: Gesundheit ist Beherrschung des Rhythmus – und die Fähigkeit, alles in Rhythmen zu überführen.“

Abschied vom Blick auf Defizite

Eine Arbeitssituation kann herausfordernd und anstrengend sein. Ob sie krank macht oder nicht, entscheidet sich über die individuelle Wahrnehmung und Reaktion. Ähnlich wie bei der Erforschung der Selbstheilungskräfte, der sogenannten Salutogenese, wendet sich der Blick der Wissenschaftler deshalb seit einiger Zeit von einer reinen Defizitbetrachtung hin zu der Frage, wie die eigenen Kräfte gestärkt werden können. Dass viel Arbeit nicht automatisch ein Problem sein muss, zeigt etwa der beneidenswerte Zustand des Flow. Damit ist ein geradezu rauschhaftes Im-Fluss-Sein gemeint, das manche Menschen erleben, wenn sie sehr anspruchsvolle Aufgaben bewältigen. „Physiologisch gesehen sind diese Menschen im Eustress, spirituell gesehen in einem Zustand der absolut positiven Selbstvergessenheit“, erläutert Schopper. „Sie sind in einem meditativen Zustand, aber gleichzeitig total wach und ausgesprochen leistungsfähig, ohne durch die Anstrengung abzubauen.“ Die spannende Frage ist: Warum ist das so? Zum Teil mag die eigene Arbeitsorganisation eine Rolle spielen, denn je kreativer und selbstbestimmter jemand arbeiten kann, desto eher wird er solche Zustände erleben. Doch abgesehen davon scheinen innere Ressourcen die entscheidenden Faktoren zu sein. Das Gleiche gilt für das mit dem Begriff „Resilienz“ beschriebene Vermögen, konstruktiv mit Veränderungen umzugehen und auch in Krisen belastbar und widerstandsfähig zu bleiben. „Noch vor einem Burn-out oder anderen pathologischen Zuständen kann man bei vielen Menschen eine tiefe Erschöpfung beobachten“, berichtet Schopper. Auch wenn es dafür keinen medizinischen Begriff gibt, keinen Laborbefund und keine Klassifizierung: Viele Menschen leben in einem permanenten Erschöpfungszustand und damit am Rande ihrer Kräfte.

„Ich bräuchte eine Auszeit“ – dieser Gedanke treibt Lehrer ebenso um wie Managerinnen, Therapeuten, Hausfrauen oder -männer. „Viele Menschen, insbesondere die heute 50- bis 70-Jährigen, wissen schlicht nicht, was mit dem Begriff ‚Selbstfürsorge‘ gemeint ist“, so Schoppers Erfahrung. „Wir bewundern die Franzosen und die Griechen im Café, tun uns aber unglaublich schwer, selbst einmal eine Pause in unseren Alltag einzubauen.“ Als anschauliches Beispiel für gelungene Selbstfürsorge zitiert Schopper gerne die Maus Frederick aus Leo Lionnis gleichnamigem Kinderbuch-Klassiker. Frederick ist ein Tagträumer, der lieber Sonnenstrahlen und Farben sammelt, als mit seinen geschäftigen Mitbewohnern Körner, Stroh und Nüsse für den Winter herbeizuschleppen. Seine grosse Zeit bricht an, als im Winter alle essbaren Vorräte aufgebraucht sind. Nun nährt und wärmt Frederick die anderen Mäuse mit seinen lebhaften Erzählungen, in denen er die Farben und Freuden des vergangenen Sommers wieder aufsteigen und lebendig werden lassen. „Das ist für mich ein Urbild für resiliente Selbstfürsorge“, meint Schopper lächelnd.

Innere Speicher füllen

„Ich muss mein Rhythmisches System ernähren. Zufriedenheit und Ausgeglichenheit kommen nicht von selbst“, so Schopper. Doch wo finden wir die Kraftquellen im Alltag? „Viele Menschen haben keine Orte, an denen sie auftanken können, weil sie keine Rituale mehr haben“, gibt Schopper zu bedenken. „Fast immer stelle ich bei der Anamnese fest, dass meine Patienten kein Gespür dafür haben, was ihnen und ihrer Seele guttut.“ Doch viele wollen mit Psychogenese erst einmal nichts zu tun haben. „Viele Patienten sind vom Kardiologen mit Herzrhythmusstörungen überwiesen worden. Etwa 60 Prozent haben gar keine organische Diagnose“, sagt Schopper. Oftmals quälen sie sich schon lange Zeit mit funktionellen Beschwerden herum und suchen selbst dann, wenn bereits das Stichwort „Erschöpfungsdepression“ gefallen ist, weiter nach organischen Ursachen. „Es gibt häufig eine starke Abwehr, sich einzugestehen: Es hat ja etwas mit mir zu tun – mit meinem Lebensstil!“

Tatsächlich ist der Druck im Arbeitsleben massiv gestiegen. Gerade viele leitende Angestellte stehen durch Rationalisierungen extrem unter Stress. Neben diesen äusseren Faktoren spielen jedoch auch innere Aspekte eine wichtige Rolle. „Die Frage nach dem Selbstwert wird immer drängender. Die Menschen sind stark auf Anerkennung und Lob angewiesen“, hat Schopper beobachtet. Zwei weitere Punkte seien ebenfalls entscheidend: „Zum einen leben immer weniger Menschen in wirklich stabilen familiären oder partnerschaftlichen Lebensverhältnissen. Zum anderen denke ich, dass es heute wichtiger denn je geworden ist, sich neben einer elementaren Selbstfürsorge auch auf einen inneren Schulungsweg zu begeben, um gesund zu bleiben.“

Welche Form ein solcher Schulungsweg hat, kann höchst unterschiedlich sein. In der Anthroposophie etwa gibt es ein ganzes Repertoire meditativer Übungen, von Spruchmeditationen wie den Wochensprüchen über Bildbetrachtungen und Naturmeditationen bis hin zu Konzentrationsübungen. „Genau betrachtet, ist vieles von dem, was Rudolf Steiner in seinen meditativen Übungen beschreibt, in heutigen achtsamkeitsbasierten Therapien enthalten“, so Schopper. „Wenn Sie solche Übungen machen, stärken Sie Ihre Fähigkeit zur Resilienz. Sie machen Stressprophylaxe, pflegen den Rhythmus und üben sich in Selbstfürsorge.“ Steiners Anregungen erlebe er auf beeindruckende Weise als in die Zukunft gedacht und alltagstauglich – auch für Menschen, die ansonsten keine Berührungspunkte mit der Anthroposophie haben. Gerade bei jungen Menschen beobachtet der Arzt sogar häufig eine gesteigerte Wahrnehmungsfähigkeit für spirituelle Fragen. „Eine interessante Zeiterscheinung: Es scheint so, als sei die Leiblichkeit offener geworden. Viele junge Menschen haben heute zwar durchaus spirituelle Erfahrungen, gleichzeitig sind sie aber weniger stabil und wirken insgesamt verletzlicher.“ Da erscheint es umso wichtiger, den eigenen Rhythmus zu stärken und damit innere Kräfte zu mobilisieren. „Die Anthroposophische Medizin bietet viele Anregungen dafür, das Verständnis für diese Fragen zu verbessern“, ist sich Schopper sicher.

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